Hass ist keine Meinung und hat in Debatten keinen Platz. Trotzdem nimmt Hate Speech, also Hassrede, im Netz zu. Viele trauen sich gar nicht erst, ihre Meinung kundzutun, weil die Diskussionskultur gehässig, diskriminierend und destruktiv ist. Was tun?
Es gibt viele Gründe, warum der Hass im Netz zunimmt.

So erhalten Trolle mehr Aufmerksamkeit als ihnen gebührt. Nicht zuletzt gibt es bestimmte Gefühle, die eine Tendenz in uns Menschen bestärken, gehässig zu reagieren. Ohnmacht figuriert da weit oben. Ist die Welt zu komplex und schwirren unendlich viele Fakten durch den Raum, ist eine simple Haltung einfacher zu vertreten als eine sachliche und ruhige Analyse aller Positionen. Kurz: Es ist einfacher zu hassen als zu verstehen.
Hassreden gefährden unsere Demokratie
Hate Speech ist nicht nur ein Problem der Online-Welt, das man getrost ignorieren kann, wenn man sich nicht an den Diskussionsforen und Kommentarspalten dieser Welt beteiligt. Auf Social Media und den Zeitungsplattformen werden Meinungen gemacht – jeder Kommentar prägt und hinterlässt eine Wirkung. Gerade in einem Land wie der Schweiz, in dem wir regelmässig über neue Gesetze und Initiativen debattieren und abstimmen, ist Hate Speech gefährlich und schädlich für unsere Demokratie. Vor allem Politikerinnen sind immer heftigerem Gegenwind ausgesetzt, der sich nicht unbedingt sachlich gegen ihre politische Meinung richtet, sondern sie als Person herabsetzt oder ihr Aussehen beleidigt. Durch diese vergiftete Diskussionskultur trauen sich viele Bürgerinnen und Bürger nicht mehr, ihre eigene Meinung kundzutun. Eine kleine, sehr laute Minderheit erscheint plötzlich wie die Mehrheitsmeinung.
Was ist zu tun?
Lange galt die Parole, Internet-Trollen keine Bühne zu geben. Indem aber niemand gegen sie vorging, konnten sie im Online-Raum viel Platz einnehmen. Deshalb plädiere ich mittlerweile dafür, auf Hassrede einzugehen. Es geht dabei keinesfalls um Zensur. Viel eher sollte man versuchen, die Diskussionen zu entschärfen und mit sachlichen Fakten zu kontern. Ob die Trolle umgestimmt werden können, ist unwichtig. Hauptsache, es wird der lauten Minderheit etwas entgegengesetzt und die Debatte entgiftet. Schon allein im Hinblick auf die vielen mitlesenden Jugendlichen dürfen rassistische, sexistische oder queerphobe Aussagen nicht unkommentiert stehen bleiben. Aus diesem Grund haben wir mit dem Projekt «Stop Hate Speech» einen Algorithmus geschaffen, der Hassrede im Netz aufspürt. Damit eine Community anschliessend mit sogenannter Gegenrede reagieren kann.
Denn grundsätzlich ist das Internet etwas Wunderbares. Es bietet fast jeder Person, egal woher sie kommt und welche Möglichkeiten sie hat, eine Stimme. Das ist ein grosses Privileg unserer Zeit. Umso wichtiger, dass wir dazu Sorge tragen.

Sophie Achermann
Geschäftsführerin des Frauendachverbands alliance F und Co-Leiterin der Projekte «Helvetia ruft» und «Stop Hate Speech». stophatespeech.ch
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